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Zuletzt aktualisiert: 9.03.2010
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Am eigenen Leibe

pbi-Freiwillige des Indonesienprojekts bei der Begleitarbeit

Über pbi, ihre Prinzipien, ihre Projekte und ihre 25-jährige Geschichte gibt es unendlich viel zu berichten. Zahlen, Fakten, Internationales und Regionales, Grundsätzliches wie Spezielles. All das hat auf dieser Internetseite seinen Raum. Was uns aber besonders wichtig erscheint, ist, auch die Freiwilligen zu Wort kommen zu lassen. Denn wie es einem tatsächlich ergeht, wenn man in einem pbi-Team im Ausland arbeitet, kann niemand besser erklären als sie. Um Ihnen einen Eindruck von dem Leben von pbi-Freiwilligen zu vermitteln, haben wir Ihnen auf dieser Seite ein paar Auszüge aus Berichten zusammengestellt.

Slomo Büth (37)

Mit pbi in Kolumbien

Slomo Büth, 37, ist gelernter Kaufmann und Geograf. Von September 2005 bis März 2007 lebte und arbeitete er  als  pbi-Freiwillger  des  Programmes  Internationale Freiwilligendienste für unterschiedliche Lebensphasen (IFL) in der Region Urabá in Kolumbien. Im Gespräch gibt er Auskunft über seine Arbeit für pbi, über Friedensgemeinden und die Bemühungen um Gewaltfreiheit in einem Land, das von einem  'Krieg niedriger Intensität` zermürbt wird. Hier ein Auszug:

"[...] Als Reaktion auf die Repressionen gegen die Zivilgesellschaft haben sich die Friedensgemeinden gegründet, als neutrale Territorien, wo der Besitz und das Tragen von Waffen verboten sind. Sie etablieren sich als Instrument der Zivilbewegung, um deutlich zu machen, dass sie nicht Teil dieses bewaffneten Konfliktes sind, aus dem sie nur als Verlierer hervorgehen können. Doch der Regierung sind sie ein Dorn im Auge, sie verweigert ihnen de facto den staatlichen Schutz. Um so wichtiger ist für die Friedensgemeinden der internationale Schutz. [...]"

Das gesamte Interview mit Slomo Büth können Sie hier als PDF herunterladen.

Silvio Köhler (30)

Mit pbi in Guatemala

Silvio Köhler, Politikwissenschaftler, war von 2005-2006 ein Jahr im pbi-Team in Guatemala. Für die Internationalen Freiwilligendienste für unterschiedliche Lebensphasen (IFL) hat er ein paar seiner Eindrücke in einem Bericht zu Papier gebracht. Dort heißt es (Auszug):

"[...] Aus meinen Erfahrungen ist die Arbeit von pbi von großer Bedeutung für die MenschenrechtsverteidigerInnen, die wegen ihrer Arbeit bedroht werden und ermöglicht es ihnen, weiterhin ihre gesetzlich zugesicherten Rechte einzufordern. Auch persönlich war es lohnenswert als Freiwilliger für pbi tätig zu sein. Der Freiwilligendienst ermöglichte mir einen Einblick in die Konflikte Guatemalas. Ferner habe ich den Einfluss des Nordens auf die Länder des Südens aus einer anderen Perspektive kennen gelernt. Seit Ende März 2006 bin ich zurück in Deutschland. Zukünftig möchte ich mich von hier aus für die Belange der Länder der südlichen Hemisphäre einsetzen."

Den gesamten Erfahrungsbericht von Silvio Köhler können Sie hier nachlesen.

Kristina Neubauer (27)

Mit pbi in Indonesien

Kristina Neubauer, Kulturwissenschaftlerin, war von 2004-2005 ein Jahr im pbi-Team in West-Papua und hat über Ihre Erfahrungen in der Broschüre „Zivil statt militärisch" der AGDF berichtet. Hier ein Auszug:

"Am Anfang zweifelhafte Blicke. pbi will nach West-Papua? In eine für ausländische Journalisten und Menschenrechtsorganisationen gesperrte Region? Kollegen anderer Nichtregierungs-
organisationen, die zu Indonesien arbeiten, aber auch Vertreter ausländischer Botschaften in Jakarta, schauten uns oft zweifelhaft an. Und so manch einer wird sicher gedacht haben: Das schaffen die nie. Heute, fast zwei Jahre nach der ersten pbi Erkundungsmission nach Papua, begleiten pbi-Freiwillige bedrohte Menschenrechtsverteidiger in Papua auf Reisen und Seminaren. Und inzwischen haben wir sogar ein zweites Büro errichtet: In Wamena, dem Bergland Papuas, wo seit über 40 Jahren abseits der internationalen Aufmerksamkeit Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung begangen werden. Der Aufbau einer internationalen Präsenz in West-Papua ist gelungen, erforderte von den pbi-Freiwilligen aber einen langen Atem. …"

Den gesamten Artikel von Kristina Neubauer können Sie hier nachlesen.

Quelle: Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden e. V. (Hrsg.): Zivil statt militärisch. Erfahrungen mit ziviler, gewaltfreier Konfliktbearbeitung im Ausland. Bonn 2006, S. 22-23.

Heike Kammer (42)

Mit pbi in El Salvador, Guatemala, Kolumbien und Mexiko

Heike Kammer, Landwirtschaftsgehilfin, arbeitet seit 1988 für pbi und war als Freiwillige in El Salvador, Guatemala, Kolumbien und Mexiko (SIPAZ). 1999 erhielt sie für ihre Arbeit als pbi-Freiwillige den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar. Über das ZFD-Auswahlverfahren und die Vorbereitungszeit berichtet sie:

"Am Anfang des ZFD-Auswahlverfahrens standen ein Orientierungsseminar und ein Auswahlgespräch in Bonn sowie eine tropenmedizinische Untersuchung in Tübingen. Beim Auswahlgespräch wurde ich u. a. nach meinen Stärken und Schwächen befragt. Diese speziellen Fragen dienten der Erstellung eines für mich geeigneten Vorbereitungsplans. Von Oktober bis Dezember 2001 belegte ich verschiedene Seminare und Fortbildungen in Bad Honnef; so z. B. einen zweitägigen Kurs in interkultureller Zusammenarbeit, ein fünftägiges Seminar über Präsentation und Moderation, einen dreitägigen Kurs zum Thema Projektmanagement, ein pbi-Fortbildungsseminar zu Strategien internationaler Beobachtung in Luxembourg sowie ein Seminar zur gewaltfreien Kommunikation im Hunsrück. Weiterhin nahm ich an einer Schreibwerkstatt teil, in der ich Grundsätzliches über das Verfassen von Flugblättern, formellen Briefen, Presseerklärungen etc. lernte. Dazu kam die Teilnahme am obligatorischen dreieinhalbwöchigen Ausreisekurs des EED in Stuttgart, ergänzende Gespräche, Antritts- und Informationsbesuche sowie Behördengänge. Mein Resümee: Die Vorbereitungszeit war insgesamt sehr gut. Besonders gefallen hat mir die Zusammenstellung eines persönlichen Kurs- und Fortbildungsprogramms."

Phillipp Steiner (26)

Philipp Steiner, Kaufmännischer Angestellter, von 2002-2004 für jeweils ein Jahr in Kolumbien und in Mexiko, über den Umgang mit schwierigen Situationen:

"Im Team wird sehr darauf geachtet, dass die neuen Freiwilligen ihre ersten Einsätze mit Team-Mitgliedern absolvieren, die schon Erfahrung haben. Der oder die "Neue" wird auf diese Weise geschult. Falls ich einmal einer gefährlichen Situation ausgesetzt sein sollte und danach Mühe habe, diese zu verarbeiten, habe ich verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. Am naheliegendsten ist es für mich, mit einem Freund innerhalb des Teams zu sprechen. Schon darüber sprechen zu können hilft. Es wurde aber auch ein spezieller Raum geschaffen, um Gefühle auszudrücken: Zu Beginn der wöchentlichen Team-Besprechungen kann jeder seine Probleme zum Ausdruck bringen. Außerdem kann ich als pbi-Freiwilliger neben den vier Wochen Urlaub auch noch auf zwei Wochen "Salud Mental" (psycho-soziale Gesundheit) zurückgreifen. Diese zwei Wochen sind kein zusätzlicher Urlaub, sondern werden gezielt eingesetzt, um sich bei Bedarf von bestimmten Erlebnissen oder Situationen zu erholen."

Claudia Müller-Hof (32)

Claudia Müller-Hof, Juristin, von 2003-2005 als ZFD-Freiwillige im Kolumbien-Projekt, koordiniert ab Februar 2006 das internationale Büro des Kolumbien-Projekts:

"Ich stehe um sechs Uhr früh auf; ich dusche, frühstücke Kaffee und ein Brötchen und mache mich mit dem Taxifahrer unseres Vertrauens auf den Weg zum Hafen, um mich mit der Koordinatorin der Organización Femenina Popular (OFP) zu treffen. Ich begleite sie heute bei ihrem wöchentlichen Besuch in Puerto Wilches, einem Dorf am Fluss Magdalena, eine Kanustunde nördlich von Barrancabermeja. Wir verlassen Barranca um sieben Uhr morgens, als es immer noch kühl ist. Wir kommen an der Ölraffinerie von Ecopetrol mit seinen rauchenden Schloten vorbei, passieren die Militärkontrolle, wo routinemäßig die Ausweise kontrolliert werden und fahren auf den Fluss hinaus, ins Grüne. Bei der Annäherung an Puerto Wilches ist ein großes Schild der OFP zu sehen: "Wir bringen keine Kinder auf die Welt und ziehen sie groß, damit sie in den Krieg ziehen". Das erinnert mich an die Graffitis, die die AUC (Paramilitärs) strategisch an Häuserwände malen, um ihre Präsenz zu demonstrieren – der Vergleich macht mir noch einmal deutlich, welche starke politische Bedeutung dieses Schild hat.

Wir durchqueren das Dorf bis wir das Frauenhaus erreichen, eins von zwölf Frauenhäusern der OFP in der Region Magdalena Medio. In diesen Häusern gibt es jeden Tag ein billiges Mittagessen für alle. Gleichzeitig bieten sie den Frauen einen Ort für Unterricht (z. B. im Fertigen von Kunsthandwerk oder im Friseurhandwerk als mögliche Einkommensquelle, zu Gesundheit und Menschenrechten), um Aktionen vorzubereiten oder um sich einfach nur zu erholen. Das Frauenhaus von Puerto Wilches befindet sich in einem der ärmsten Viertel des Ortes. Hier begrüßen wir Ana María und Elsa, die Köchinnen. Die Koordinatorin bespricht ein paar Neuigkeiten mit ihnen und beginnt dann mit dem Rundgang – zu Fuß. Sie glaubt nicht daran, dass wir mit dem Fahrrad weit kommen würden, denn nach dem Regen heute früh sind die Straßen ganz schlammig. Jetzt, es ist fast neun, scheint die Sonne und es ist schon sehr heiß.

Die Koordinatorin hat eine lange Liste von Besuchen vor sich – in Häusern von Familien und Frauen, die mit der OFP zusammenarbeiten: Sie nehmen an Treffen und Weiterbildungskursen teil und arbeiten bei Mobilisierungsaktionen, Demonstrationen etc. mit. Sie sind immer bereit, sich gegenseitig zu helfen, indem sie ihr Haus zur Verfügung stellen und ihre Zeit, ihre Diskretion und Solidarität schenken. Überall werden wir willkommen geheißen; ein "Gläschen Wasser" oder ein "Tässchen Kaffee" wird angeboten.

Wir besuchen ein Haus, in dem drei Generationen auf 25 Quadratmetern leben. Im nächsten Haus treffen wir eine allein erziehende Mutter mit ihren fünf fünf Kindern. Sie beschwert sich, dass die Regierung nicht einen Peso für die Kinder zahlt. Sie hat keine Arbeit – natürlich nicht, mit fünf Kindern! Gegenüber dem Haus sitzt eine alte Frau. Sie freut sich sehr über den Besuch der Koordinatorin. Sie bringt uns Stühle und ein Glas Wasser. Nach und nach treffen die Nachbarinnen ein, innerhalb von fünf Minuten ist es eine Versammlung von acht Frauen.

Ein Grund für den Besuch der Koordinatorin ist Mobilisierung der Frauen zu einer Demonstration in Barrancabermeja. Damit soll eine Konferenz der "Sozialen Frauenbewegung gegen den Krieg" unterstützt werden, die von der OFP organisiert wird und an der Delegationen aus zwölf Ländern teilnehmen. Die Frauen diskutieren über die Demonstration. Außerdem tauschen sie sich über einen weiteren Toten aus, den man gefunden hat (War er ein Paramilitär? Ein Guerrilla-Kämpfer? Keines von beidem?) und darüber, dass die Polizei in Wilches 30 Mann Verstärkung erhalten wird.

Um vier Uhr nachmittags verlassen wir Puerto Wilches, damit wir in Barranca noch vor Einbruch der Dunkelheit ankommen – aus Sicherheitsgründen. Um halb sieben komme ich zuhause an. Zum Abschluss des Tages muss ich noch meinen Bericht über die Begleitung schreiben, die E-Mails durchschauen, die während des Tages eingegangen sind, und mit meinen Teamkollegen meine Erfahrungen des Tages beim Abendessen besprechen. Ein letzter Blick auf den Wochenplan: morgen begleite ich ein Mitglied von CREDHOS bei seinem Rundgang durch Barranca..."

Uli Krause (36)

Mit pbi in Indonesien

Uli Krause, Fernmeldeelektroniker, von 2002-2003 als Freiwilliger in Aceh (Indonesien) schrieb während seines Einsatzes:

"Es ist eigenartig. Für mich fühlt es sich an, als würde ich gleichzeitig in zwei Welten leben. Auf der einen Seite die verstörende Wahrheit der Menschen, die wir täglich begleiten und dieser grauenvolle Schrank voller Akten in unserem Büro, die uns von Folter, Mord und anderen Menschenrechtsverletzungen berichten. Dann kann es wiederum vorkommen, dass wir, um Abwechslung von dieser manchmal deprimierenden Arbeit im Haus zu haben, am sonnigen Strand eine Teambesprechung abhalten, bei der wir über den Fall einer immer noch "verschwundenen" Person sprechen – eine bizarre Situation.

Die physische und psychische Belastung ist enorm. Besonders in Aceh, dem eigentlichen Konfliktgebiet, muss man 24 Stunden rund um die Uhr darauf vorbereitet sein, dass ein einziger Anruf tagelangen Stress für das gesamte Team auslösen kann. Zum Beispiel, wenn eine oder mehrere Personen Drohungen erhalten und dauerhafte Schutzbegleitung brauchen. Das kann wenig Schlaf oder unregelmäßige Mahlzeiten zur Folge haben, man ist in seinem Bewegungsspielraum eingeschränkt, macht sich Sorgen, muss dauernd zu Team-Besprechungen zusammenkommen. pbi ist und bleibt eine einzigartige Organisation: sowohl in seiner Vorgehensweise als auch in seiner Struktur, seiner Entscheidungsdynamik (Konsens) und seinen Persönlichkeiten. Dies ist ein extrem anspruchsvolles, aber auch bereicherndes Jahr für mich."

Annette Fingscheidt (41)

Mit pbi in Kolumbien

Annette Fingscheidt, Sozialanthropologin, war mit pbi ein Jahr lang in Kolumbien:

",pbi ist eine internationale regierungsunabhängige Organisation, die in Kolumbien seit 1994 mit einem Team von internationalen BegleiterInnen und BeobachterInnenn tätig ist. Ziel ist es, den politischen Spielraum derjenigen MenschenrechtsverteidigerInnen zu schützen, die aufgrund ihrer gewaltlosen Arbeit Opfer gewalttätiger Übergriffe werden können.‘ So etwa bekommen Interessierte die Arbeit von pbi erklärt. Eine klare und deutliche Erklärung, die kaum Zweifel über den Kern der Sache aufkommen lässt. Umso mehr stellt sich aber die berechtigte Frage, wie das denn alles in der Praxis abläuft und wie das Alltagsleben der pbi-Freiwilligen aussieht. Denn aus der Ferne hört sich die Tätigkeit der Freiwilligen oft sehr heroisch an. So hat mir doch kürzlich eine Zuhörerin während eines Vortrags gesagt, ich solle froh sein, ,da überhaupt lebend herausgekommen zu sein‘.

Ist die Arbeit gefährlich und so aufregend wie der Gang durch eine fremde Stadt, in der man nicht weiß, was einen an der nächsten Ecke erwartet? Oder wird sie irgendwann einmal, wie fast jede Tätigkeit, zur Routine? Nach einem Jahr im wunderschönen grünen und tropischen Urabá, unter armen Flüchtlingen und reichen Geschäftsleuten, Soldaten und Bürokraten, Analphabeten und Intellektuellen, in Urwalddörfern ohne Weg und Steg und in einem mit moderner Technologie ausgestattetem Büro und in einem aus sehr verschiedenen Menschen zusammengesetzten Team würde ich sagen, dass es beides ist.

Begleiten in Urabá bedeutet unzählige Dinge tun. In Turbo, ein nicht gerade idyllisches Hafenstädtchen, in dem unser Büro und Wohnhaus liegt, leben etwa 3.500 Vertriebene, die von pbi begleitet werden. Das bedeutet mehrmals täglich mit dem Fahrrad oder Auto und mit einem T-Shirt bekleidet, das deutlich aussagt, dass man zu pbi gehört, die so genannte Runde zu machen. Es ist wichtig, dass sie uns dort sehen, damit sie die Flüchtlinge in Ruhe lassen. "Sie", das sind Polizisten und Soldaten, aber auch Zivilisten, die auf Motorrädern oder in Autos ohne Nummernschild herumfahren, oft mit einer Waffe unter dem Hemd, und wehrlose Menschen bedrohen. Manchmal, wenn die Situation gespannt ist, müssen diese "Runden" auch nachts gedreht werden, dann im Auto, zu zweit und mit Telefon. Das gehört dazu: Sicherheit geht vor. Wir müssen uns von überall und zu jeder Zeit mit den KameradInnen im Büro verständigen können.

Begleiten bedeutet, um sechs Uhr morgens verschlafen am Hafen von Turbo zu stehen und die Abfahrt eines Bootes abzuwarten, mit dem einige Vertriebene und die MitarbeiterInnen einer sie beratenden Menschenrechtsorganisation ins Flussgebiet Cacarica begleitet werden möchten. Schon im Hafen wird klar, dass man beobachtet wird. Manchmal versucht jemand die Vertriebenen auszufragen, wohin sie fahren, wie viele sie sind, usw. Begleiten bedeutet, an einem Kontrollposten der Marine vorbeizufahren, oft stundenlang auf dem Fluss unterwegs zu sein, das Boot mühsam durch viel zu flaches Wasser zu schieben, in Gummistiefeln durch matschiges Gelände zu waten und tage- oder gar wochenlang in einem kleinen, abgelegenen Dorf zu leben, in dem es weder Strom noch fließendes Wasser oder Zufahrtswege gibt. Das Satellitentelefon ist die einzige Verbindung zur Außenwelt.

Begleiten bedeutet, das einzige Kleid anzuziehen, um in der örtlichen Militärgarnision dem Kommandanten unsere Besorgnis um die Sicherheit der Vertriebenengemeinden in Urabá mitzuteilen, ihn daran zu erinnern, dass wir innerhalb seines Zuständigkeitsgebietes arbeiten. Es bedeutet, ihm die Hand zu schütteln und freundlich zu lächeln, obwohl man weiß, dass er an Menschenrechtsverletzungen beteiligt ist oder sie zumindest mit seinem Einverständnis begangen werden. Begleiten bedeutet aber auch stunden- oder tagelange Büroarbeit, das Schreiben von Berichten und Informationen, das Lesen der Berichte der Teams aus Bogotá, Barrancabermeja und Medellín, Teamsitzungen von bis zu zwölf Stunden, in denen die Arbeit geplant und über die allgemeine politische Situation gesprochen wird, Sitzungen mit kolumbianischen oder anderen internationalen Organisationen, das Bedienen des fast pausenlos klingelnden Telefons. Die Telefone und die Computer sind ständig besetzt: Kommunikation und Information sind wichtige Bestandteile der Arbeit.

Wie gesagt, Begleitarbeit in Urabá kann vieles bedeuten und kein Tag sieht aus wie der andere, Freizeit gibt es selten, dafür oft zu wenig Schlaf. Doch man gewöhnt sich an die Hektik, die Unvorhersehbarkeit der Lage und an die unglaublich vielen verschiedenen Menschen, die man kennen lernt. Die Ausnahmesituation wird zum Alltag, das tägliche Risiko fast zur Routine. Im Nachhinein habe ich noch nicht einmal das Gefühl, etwas Außergewöhnliches geleistet zu haben."

Christiane Schwarz (38)

Mit pbi in Kolumbien

Christiane Schwarz, Romanistin, von 1999-2001 als allererste ZFD-Friedensfachkraft in Kolumbien:

"Der Aufenthalt in Kolumbien war für mich eine bereichernde Erfahrung. Es ist aber sehr wichtig, sich über Chancen und Grenzen der Möglichkeiten des eigenen Handelns im Klaren zu sein. Bescheidenheit und realistische Einschätzungen sind unerlässlich. Als "dritte" Kraft von außen können wir die lokalen Gruppen stärken, die sich für eine gewaltfreie Lösung des Konfliktes einsetzen. Aber den Konflikt selbst wir können nicht lösen."

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